Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Tannennadeln

l.o."Tannennadeln im Schnee" von Hanne Fliesen in der Schaumal Dezember 2011

Tannennadeln im Schnee

© 2011 Hanne Fliesen

„Dich will doch sowieso niemand haben, so klein und mickrig, wie du bist. Schau dich doch mal an. Ganz allein wirst du an Weihnachten hier draußen stehen, das kannst du mir glauben.“ Hochnäsig und arrogant reckt die große Tanne, neben ihr, die Zweige nach oben und würdigt sie keines Blickes mehr.

„Nur jetzt nicht weinen.“ Tapfer schluckt die kleine Tanne ihre Tränen herunter. „Warum ist sie nur so gemein?“ Als vor einigen Jahren diese Schonung gepflanzt wurde, waren sie doch die besten Freunde geworden. Alles hatten sie zusammen durchgestanden. Hitze und Kälte, Sturm und Regen. Langeweile kannten sie nicht. Nächtelang hatten sie gequatscht und gekichert. Sich gefreut, weil die Waldtiere unter ihnen Schutz suchten. Doch irgendwann fing ihre Freundin an, sich zu verändern. Sie wollte plötzlich nicht mehr in dieser öden Schonung stehen, sondern hinaus in die weite Welt, um etwas zu erleben. Ach und überhaupt, bald würden sich alle um sie reißen, weil sie nämlich der schönste Weihnachtsbaum hier am Platze sein würde. Eine reiche Familie würde kommen, die sie in ihrer großen Luxusvilla aufstellen würde.

Ohne Rücksicht auf andere konzentrierte sie sich auf ihr Ziel. Sie fing an größer und breiter zu werden, indem sie mit aller Macht dem Boden die Energie entzog. Es war ihr völlig gleichgültig, dass ihre Freundin darunter litt. Die kleine Tanne duldete es aus Freundschaft, sie kam schon mit weniger zurecht. Sie wollte einfach nur, dass es wieder so sein würde wie früher. Doch schließlich verscheuchte ihre Freundin auch noch die Waldtiere. Traurig blickt die kleine Tanne an sich herunter. Sie betrachtet ihre Zweige und ihre Spitze, als sähe sie sie zum ersten Mal. Wie dünn und krumm sie sind, fällt ihr jetzt erst auf. Plötzlich fängt sie an zu frieren. Sie ist sich sicher, dass es wohl so ist, wie die große Tanne gesagt hatte. Die kleine Tanne fühlt sich klein und mickrig. Noch enger zieht sie die schmalen Zweige an ihren Stamm heran und verstummt. Mit Einbruch der Nacht dreht der Wind auf Ost und es wird empfindlich kalt. Die große Tanne neben ihr bekommt es richtig zu spüren. Voll erfasst sie der Wind, um sie mächtig durchzuschütteln, und seine Eiseskälte zu hinterlassen. Bittend ruft die Große laut nach der kleinen Tanne. „Hallo, wach endlich auf. Strecke deine Zweige aus, so wie früher. Lehne dich an mich, damit mir wärmer wird. Ich kann so nicht schlafen. Mir ist fürchterlich kalt.“ Doch der Wind trägt ihren Schrei unbeachtet fort.

Der nächste Tag zieht herauf. Es ist der 24. Dezember, Heiligabend. Der Himmel zeigt sich grau und schneeverhangen. Schon seit ein paar Stunden laufen die Menschen durch die Schonung, um ihren Weihnachtsbaum auszusuchen. Kritisch werden sämtliche Bäume umrundet. Jeder möchte natürlich den „Schönsten“ haben. An ihren Zweigen wird gebogen und gezogen, ihren Nadeln heftig gezupft. Sitzen sie auch wirklich noch fest genug? Wahrlich, keine liebevolle Behandlung, worüber sich die umstehenden Bäume lautstark beschweren, besonders die große Tanne neben ihr. Doch der kleinen Tanne ist es egal. Ihr passiert nichts im Schutze der großen Bäume. Mit der Stille und der Einsamkeit kommen endlich die Tränen. Sie rollen ohne Unterlass und benetzen die Zweige der kleinen Tanne. Wie durch einen Schleier schaut sie über den freien Platz, wo nur noch die herunter gefallenen Tannennadeln an die anderen Bäume erinnern. Die Dunkelheit verschluckt allmählich die nahegelegene Waldkante und es fängt leise an zu schneien. Die Schneeflocken legen sich auf die Tränen und der kalte Wind verzaubert sie sofort in Eiskristalle. Sie leuchten wie hunderte funkelnde Sternchen. Und es werden mehr und mehr. Dem Wind macht es großen Spaß die kleine Tanne im hellsten Licht und Glanz erstrahlen zu lassen.

Der Fuchs auf seinem abendlichen Beutezug, sieht sie als erster. Er kann seinen Blick nicht abwenden, so wunderschön ist sie. Laut bellt er es durch den ganzen Wald. Von überall kehren sie nun zur Schonung zurück, kommen neugierig heran und bestaunen die kleine Tanne, ihren funkelnden Weihnachtsbaum. Das erste Weihnachtsfest der Waldtiere beginnt.

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