Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Fantasie

In den Fängen der Fantasie     © 2011 by Hanne Fliesen

So, nun probiert es aus! Augen zu. Gut festhalten und zwar mit beiden Händen. Volle Konzentration und wenn ihr euch sicher genug seid, nur noch loslassen. Das soll funktionieren? Bei den anderen durchaus möglich, aber nicht bei mir. Diesen Mut werde ich nie aufbringen. In meinen kühnsten Träumen nicht. Außerdem, Herausforderungen hatte ich heute schon genug und „Spezielles“? Will ich erst recht nicht mehr. Ok, ich weiß ja, mir kann nichts passieren. Weshalb bin ich dann trotzdem so nervös? Keine Ahnung. Der Vorschlag unserer Seminarleiterin ist doch gar nicht so schlecht. Verspricht Spannung und vielleicht auch Abenteuer. Eine Wahrnehmungsübung.

Mit geschlossenen Augen etwas Unbekanntes greifen.Ganz einfach und garantiert mit Überraschungseffekt. Im Gegensatz zu mir, scheint es dem Rest unserer tollen Schreibrausch-Gruppe zu gefallen. Also gut, versuchen kann ich es ja wenigstens. Oh, dass das Unbekannte so schwer ist, hätte ich nicht erwartet. Es ist übrigens ein „er“. Kühl und fest liegt er in meinen Händen. Seine Oberfläche glatt, während an der Unterseite Rillen, ja sogar kleine Erhebungen zu spüren sind. Echt schöne Form, so ausgefallen.
Früher gehörte so etwas wie er, mal zu einer Sammelleidenschaft von mir. Meistens im Urlaub. Tja und nun? Eine Geschichte ist das wohl eher nicht. Wusste doch, dass ich es nicht schaffe. Ich lasse es sein. Moment mal. Das ist jetzt nicht wahr, oder? Das Unbekannte verändert sich?

So ein Quatsch. Irgendetwas schmiegt sich in meine Hand. Angenehm warm, in einer fantastischen Form. Sanft und weich. Ist es das, was ich mir vorstelle? Wirklich eine andere Hand? Eine, die mir augenblicklich Vertrauen einflößt, obwohl sie mir fremd ist? Doch ist sie nicht zu breit für eine Hand? Flach ist sie jedenfalls nicht, stattdessen sehr behaart. Es kitzelt. Und da, da ist noch etwas. Kleine Wölbungen, ein wenig rau. Das muss ich sehen, das Schöne. Oh nein! Was ist denn nun los? Wieso lassen sich meine Augen nicht öffnen? Sie sind ja wie zugeklebt. Und mein Arm, er gehorcht mir auch nicht. Hält mich dieses Gefühl etwa gefangen? Ausgerechnet das, was mir eben noch so gut gefiel? Das gibt es doch wohl nicht. Es klammert, fordernd. Ich will das nicht.
„Lass mich los. Sofort!!!!!“
Antwort bekomme ich keine, dafür einen gewaltigen Schrecken, als mich plötzlich eine unvermutete Kraft heftig zieht und hochreißt. Mit so einer Wucht, dass Entgegenstellen zwecklos ist. Ich könnte heulen vor Wut, doch es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm hinterher zu laufen. Neben mir stampft es schwer auf dem Boden. Es muss riesig sein.

Sind wir auf einer asphaltierten Straße?
Ich höre keuchenden Atem, den des Unbekannten und meinen eigenen. Diese schreckliche Dunkelheit. Angst drückt auf meine Brust. Warum nur habe ich mich auf dieses Gefühl eingelassen? Es hat mich getäuscht und verraten. Was ist „es“ neben mir? Mein Ende? Nie und nimmer!!! Auch dieses „Etwas“ wird mal einen Fehler machen, irgendwann. Jetzt rennt es auch noch schneller. Was denkt es sich? Will es mich entführen? Hoffentlich nur etwas zeigen! Wenn ich das alles nur wüsste. Wie es hier duftet. Nach Tannen, ja ganz intensiv nach Wald. Normalerweise liebe ich ihn, nur nicht in diesem Moment. Mir wird schlecht. Es ist so unheimlich. Merkwürdig, dass ich nicht starr vor Entsetzen stehen bleibe. Aber wie denn auch? Au, mein Fuß. Das war ein dicker Ast. Der Boden fühlt sich anders an, als vorher. Weicher, rutschiger. Ein Waldweg! Ich spüre Baumwurzeln.

„Halt, hier kann man nicht so schnell rennen.“ Schaurig laut gibt das Echo meine eigene Stimme im Wald zurück. Wie gruselig. Kann es mich doch hören? Es bleibt abrupt stehen. Ohne Vorwarnung fliege ich, mitten in den Matsch. Natürlich mit dem Gesicht zuerst. Fürchterlich, es brennt und stinkt. Meine Tränen vermischen sich mit dem Dreck, bahnen sich in meinen Mund und hinterlassen einen extrem bitteren Geschmack.
„War es das, was du wolltest? Dann lach doch endlich!“
Vergeblich zerre ich an seinem Arm. Es bleibt still. Ich will mich drehen, Widerstand. Seine Hand immer noch fest auf meiner. Plötzlich mehr Wärme. Ich rieche Schweiß. Meine Güte, wie grauenvoll. Es stinkt genauso wie der Matsch, in dem ich liege, richtig modrig, faulig. Fellartiges? Kurz berührt es mein Gesicht. Also doch kein Mensch? Etwa ein Tier? So groß und so stark? Mein Atem stockt, als mich etwas an der Schulter berührt. Warum kann ich auch nichts sehen? Mich nur auf mein Gefühl verlassen. Eine Gänsehaut jagt mir über den Rücken, als das Unbekannte nun auch noch seinen Arm um mich legt. Eine beruhigende Geste? Aber das passt doch alles nicht zusammen. Jetzt rührt es sich nicht mehr.

Was hat es nun schon wieder vor? Jede Faser meines Körpers spannt sich an, als es noch näher kommt. Zu nah! Dröhnend schmerzhaft der Puls an meiner Schläfe. Mit einem Ruck dreht es unerwartet meine Hand, um sie in den Matsch zu drücken. Richtig tief. Widerlich quillt es zwischen meinen Fingern. Ich spüre genau den hinterlassenen Abdruck, der sich im Morast bildet, den meiner eigenen Hand. Sekunden nur, bevor es diese wieder zu sich heranzieht und mit Nachdruck führt. Zu einer Stelle, wo ich „seinen“ Abdruck nachzeichnen soll. Panische Angst in mir, als ich erkenne, mit wem ich es hier zu tun habe. „Hilfe, ich muss hier weg“. Aber selbst der lehmige Morast gibt mich nicht frei. Dann geschieht Unfassbares.

Der Bär nimmt seine Tatze von meiner Hand, um meine Wange zu berühren. Ganz sanft, ja fast zärtlich streichelt er mich. Dieses Gefühl in mir, so widersprüchlich. Einerseits ist sein Körpergeruch so penetrant, dass mir richtig übel wird, andererseits verstärkt sich der Wunsch, mich trotzdem bei ihm anzulehnen. Und noch etwas ist plötzlich da. Zuneigung mit tiefem Schmerz. Mein Herz krampft sich zusammen, als ob sich ein guter Freund verabschiedet und mir sagt, dass wir uns nie mehr wiedersehen werden. Und er geht, er geht wirklich. Ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Boden bebt unter seinem Gewicht. Ich will schreien „Bleib doch hier“. Meine Stimme versagt. Dieses Mal rennt er nicht, er geht langsam, als hätte er schwer zu tragen. Schleppend und schlurfend. Ab und zu höre ich noch das Knacken von Holz und dann bin ich ganz allein. Allein, mit dem Rauschen der Bäume und einer unendlichen Leere. Regungslos liege ich im Dreck und fange an zu weinen, wie ein kleines Kind. So lange, bis ein Weinkrampf meinen Körper unkontrollierbar macht. Ist es die Erleichterung ihm entkommen zu sein? Nein, im Gegenteil, ich bedaure sein Fortgehen. Ich will hinterher. Unbedingt!! Was „er“ ist, weiß ich nun. Sein Geheimnis jedoch kenne ich nicht. Der dringende Wunsch es zu lüften, gibt mir die Kraft, mich aus dem Morast zu befreien. Meine Kleidung hängt nass und lehmig an mir herunter. Alles stört mich sehr, besonders das Kribbeln der Ameisen, in meinen Hosenbeinen. Tastend gehe ich mit beiden Händen über den Weg.
„Welche Richtung ist er gegangen?“ Moos, weich und feucht.
„Iiii, was ist das denn?“
Angeekelt schleudere ich sie weg, die dicke Nacktschnecke.
„Doch hier, hier ist seine Spur“.
Ohne Überlegung hetze ich los, immer schneller, immer tiefer in den Wald hinein. Spinnennetze verfangen sich in meinen Haaren, knisternd, bevor sie sich auf meinem verschwitzten Gesicht ablegen. Ich stolpere, schlage mir mein Knie auf. Rappel mich wieder hoch. Ich muss ihn finden! Wenn ich doch nur etwas sehen könnte.

Ich hebe meinen Kopf und plötzlich leuchtet zwischen den Baumwipfeln der Mond. Sein schwacher Schein, das einzige Licht in der Dunkelheit. Angst verspüre ich nicht mehr, nicht mal, als ich direkt in zwei funkelnde Augen schaue, vermutlich eine Eule. Wie lange bin ich eigentlich schon unterwegs? Minuten? Stunden? Einen Zeitbegriff habe ich längst nicht mehr, nur den schlimmen Verdacht, einfach nirgendwo anzukommen. Meine Beine immer kraftloser. Seitenstiche quälen mich. Soll ich aufgeben? Ich kann nicht mehr. Aufgestützt auf meinen schlotternden Knien versuche ich ruhiger zu atmen. Unverhofft zeigt sich mir in dieser Pause ein schummeriges Licht. Nicht am Himmel, ganz weit hinten. Am Ende des Weges? Eine Täuschung? Nein, es bleibt, es verschwindet nicht. Abermals nehme ich alle Kraft zusammen, um schließlich auf einen großen, kreisrunden Platz zu treffen, der vom Mondschein beleuchtet wird. Rundherum zweigen zahllose Wege ab. Schleierhaft, warum ich in jedem von ihnen am Ende ein helles Licht sehe. Ratlos und unschlüssig laufe ich hin und her. Seine Spuren finde ich nicht. Erschöpft lasse ich mich auf den Boden sinken. Mein Atem schwer, während mein Körper vor Anstrengung zittert. Aus dem Nichts wabern plötzlich Nebelschwaden vor meinen Augen. Zunächst nur dünn und schmal, danach dichter und breiter, bevor sich eine geheimnisumwitterte Gestalt daraus formt. Märchenhaft schön ist sie.
„Wer bist du?“ flüstere ich.
„Ich bin eine Gestalt des Fantasiegespinstes und du sitzt an der Gabelung meines Weges.“ wispert sie mit sanfter und lieblicher Stimme, die mich sofort einfängt.
„Kannst du mir nicht helfen? Ich suche den Bären!“
„Ich weiß, doch helfen kann ich dir nicht.“
„Aber weshalb denn nicht?“
„Es steht nicht in meiner Macht. Den Weg zu mir hast du allein gefunden, in dem du dem Bären furchtlos gefolgt bist. Du brauchst meine Hilfe nicht.“
„Und wie soll ich bei diesen vielen Abzweigungen den richtigen Weg finden?“
„Vertraue dir selbst, dann wirst du immer finden, was du suchst.“

Geheimnisvoll löst sich die Gestalt wieder darin auf, woraus sie entstanden war. Nachdenklich und voller Zweifel lässt sie mich zurück. Wie lange ich so gesessen habe, weiß ich nicht mehr. Bibbernd spüre ich nur die Kälte, die mittlerweile durch meinen ganzen Körper gezogen ist, und ich zwinge mich, endlich zu gehen. Nur wohin? Noch einmal schaue ich in jede Gabelung eines Weges und entscheide mich für den Weg, an dessen Ende kein helles Licht zu sehen ist. Dann und wann tasten meine Hände noch über den Waldboden. Tatsächlich finde ich die Spuren des Bären wieder, nur dieses Mal sind sie kühl und fest. Ich stolpere weiter. Urplötzlich habe ich die asphaltierte Straße unter meinen Füßen. Immer noch Dunkelheit, bis ich bemerke, dass es daran liegt, dass ich nach wie vor meine Augen geschlossen halte. Nur schwer heben sich meine Augenlider und ich brauche ein wenig, um mich an die Helligkeit zu gewöhnen. Fassungslos erkenne ich, wo ich bin. Wieder dort, wo alles angefangen hat und ich halte ihn immer noch in meiner Hand.
Den Stein, kühl und fest, der mit viel Fantasie die Form einer Bärentatze zeigt.

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