Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Im Zeichen

Im Zeichen des Mondes                                  © 2012 Hanne Fliesen

Monoton und einschläfernd drehen die Propeller. Aber er kann einfach nicht einschlafen. Sein Kopf lehnt an der kühlen Fensterscheibe der Passagiermaschine. Regen peitscht dagegen. Nebelbänke, ab und zu in Fetzen gerissen, durch den heftigen Wind, huschen an seinen Augen vorbei. Frische Luft, ja, die würde ihm jetzt gut tun. In Intervallen spürt er immer wieder das Auf-und Absacken der Maschine. Ähnlich ist es bei seinen Gedanken, die seit Stunden Gelegenheit finden, hinter seinem geistigen Auge abzulaufen. Zitternd fahren seine Finger über seine Stirn. Kalter Schweiß bleibt an ihnen hängen.
„Du brauchst erst mal Abstand, Daniel“, klingen diese Worte in seinen Ohren nach.
„Natürlich, was sollen sie mir auch sonst sagen?“
Aufstöhnend geht sein Blick zu den anderen Fluggästen. Neben ihm schläft ein älteres Ehepaar. Sehr angenehme Menschen, mit denen er kurz ins Gespräch gekommen war. Für die beiden ist es der erste Flug überhaupt. Sie erfüllen sich damit ihren Traum, einmal das fremde Land zu betreten, in dem ihre Tochter seit längerer Zeit lebt. Dann geht sein Blick zu den Sitzreihen im Mittelgang. Nicht das erste Mal heute bleibt sein Blick dort hängen, auf einem etwa zehnjährigen Jungen. Schon beim Einsteigen war er ihm aufgefallen. Er, der Auslöser, seiner immer wiederkehrenden, quälenden Gedanken.
„Herzstillstand! Schnell Doktor! So machen Sie doch schon…..“
Eingebrannt hatten sie sich, diese Worte und die ablaufenden Bilder im Operationssaal. Eigentlich war es nur eine Routine-OP. Der entzündete Blinddarm ließ sich ohne Komplikationen entfernen. Nur die Wunde musste noch geschlossen werden, bei Nils. Er war etwa genauso alt, wie dieser Junge da. Richtig, er war. Weiterleben, diese Chance gab es für ihn nicht mehr, weil er, Daniel, als Arzt versagt hatte. Warum hatte er es nicht gewusst? Hätte er es nicht erkennen müssen?
„Es war nicht deine Schuld, Daniel“. Immer wieder hatte ihm das der Professor versichert. „Nils hatte einen angeborenen Herzfehler, der nicht bekannt war. Hätte ich ihn operiert, wäre mir dasselbe passiert.“
Kein Trost für ihn. Das machte ihn auch nicht wieder lebendig. Nils, den einzigen Sohn von seinem besten Freund. Ein unterdrückter Laut will seinem Mund entweichen. In letzter Sekunde drückt er seine Hand dagegen. Den entsetzten Blick von Florian, in der Klinik, wird er wohl nie vergessen können. Viel schlimmer aber noch war dieser blanke Hass, der ihn an Nils Beerdigung, mit unerwarteter Wucht traf. Alle Versuche mit ihm zu reden, scheiterten. Florian ließ ihn einfach nicht an sich heran. Die folgende Zeit in der Klinik war ein schrecklicher Albtraum für Daniel. Das Skalpell mit ruhiger Hand führen zu können, gelang ihm nur unter Anstrengung. Bis ihm sein Vorgesetzter den Vorschlag machte, für eine Zeit nach Afrika zu gehen. Dort werden Ärzte dringend gebraucht. Der Weg zurück, stand ihm selbstverständlich jederzeit offen. An seiner Veränderung, vielleicht nicht ausschließlich, zerbrach dann letztendlich die Beziehung zu Manu, seiner langjährigen Freundin. Alles das, hatte dazu geführt, dass er nun in dieser Maschine saß. Um einen Neuanfang zu finden? Wie denn? Die Gedanken werden auch in Afrika immer präsent sein.
Plötzlich geht ein starker Ruck durch die Maschine um dann langsam in ein Schlingern überzugehen. Was hat das zu bedeuten?
„Bleiben Sie ruhig und schnallen Sie sich bitte an“, ertönt es kurz darauf aus den Lautsprechern. „Es wird Turbulenzen geben. Wir sind in ein Unwetter geraten.“
Trotzdem breitet sich Unruhe aus, doch das geschulte Bordpersonal versteht es, diese zu unterdrücken.
„Keine Angst“, hört Daniel von der netten Flugbegleiterin, die dem älteren Ehepaar neben ihm, beim Anschnallen behilflich ist. „Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. So etwas kommt immer wieder mal vor.“ Sie lächelt.
Daniel versucht ihren Blick einzufangen, doch sie weicht ihm geschickt aus. Die Maschine wackelt beängstigend und fällt immer wieder in Luftlöcher, was bei Daniel im Magen für Wirbel sorgt. „Tief durchatmen hilft. Oder auch nicht? Bloß jetzt nicht aus dem Fenster schauen. Aber ist das nicht egal? Es ist doch sowieso dunkel. Er dreht seinen Kopf vom Fenster weg und trifft im Mittelgang auf den Blick des kleinen Jungen. Leichte Panik entdeckt er in seinen Augen. Unbewusst, mehr spontan aus dem Bauch heraus, hebt Daniel seinen Daumen in die Höhe. Scheu lächelt der Kleine und gibt das Zeichen, wenn auch nur zögerlich, zurück.
„Sie sind doch bestimmt schon mehrmals geflogen oder?“, lenkt ihn dann die leise Stimme vom Nebensitz, ab.
„Ist wirklich alles in Ordnung oder sagen die das nur?“
Angstvoll drückt der ältere Mann die Hand seiner Frau.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, versucht Daniel ihn zu beruhigen, widersprüchlich zu seinen eigenen Zweifeln. „Es ist alles in Ordnung. Vermutlich ist es nur eine kurze Gewitterfront. Die Piloten haben Erfahrung damit. Lehnen Sie sich am besten fest in den Sitz und atmen Sie tief ein und aus.
Daniel hat es noch nicht ganz ausgesprochen, als unvorbereitet das  Licht in der Maschine ausfällt. Nur noch die Notlampen leuchten. Sofort bricht Panik aus, ein völliges Durcheinander. Einige springen aus ihren Sitzen. Unverständlich, abgehackte Worte aus dem Cockpit gehen im Tumult unter.
Dann geht alles rasend schnell. Die Nase der Maschine drückt sich im Steilflug nach unten. Der plötzliche Druckabfall lässt die Sauerstoffmasken herunter schnellen. Niemand mehr bekommt die Möglichkeit sie irgendwie zu ergreifen. Die Luft wird knapp. Die Motoren jaulen unerträglich laut auf und ein letztes Flackern der Notlampen legt den Raum in völlige Dunkelheit. Entsetzt starrt Daniel aus dem Fenster. Nichts. Oder?
Zwischen vorbeifliegenden Baumspitzen sieht er für ein oder zwei Sekunden den Mond, als Sichel. Dann sind Krachen und Bersten eins. Glassplitter fliegen umher. Lose Gegenstände folgen. Ein dumpfer Knall im vorderen Bereich schiebt irgendetwas kratzend durch die Sitze. Gellende, unmenschliche Schreie vor der mörderischen Explosion, die gnadenlos eine höllisch heiße Druckwelle hinterher schießt.
„Jetzt zerreißt es mich“, ist das Letzte was Daniel denkt, bevor sein Kopf hart gegen den Vordersitz knallt.

09. Oktober 2011

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3 Antworten zu “Im Zeichen

  1. Jessica Mützky 14. Juni 2012 um 10:34

    Gefällt mir sehr gut. Ist mitreißend und spannend geschrieben. Hut ab, Hanne! Ich möchte weiterlesen!

    • Hanne 14. Juni 2012 um 19:23

      Freut mich, vielen Dank Jessica. Sicherlich wird es eine Fortsetzung geben, nur das wird noch ein wenig dauern.

  2. Gabi Rütter 22. Juni 2012 um 09:35

    Super, Hanne! Total spannend. Man hat das Gefühl, du hättest selbst schon mal so einen Crash miterlebt. Mir geht´s wie Jessica: ich würde unheimlich gerne diese Geschichte weitergeschrieben lesen.

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