Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Hexe in Rot

Hexe in Rot                                    © 2012 Hanne Fliesen

Feiner Nieselregen begleitete mich kurz vor Mitternacht, als ich das Haus noch einmal verließ, um frische Luft zu schnappen. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen ging ich durch die Straßen. Ich weiß nicht wieso, aber plötzlich stand ich vor dieser Bar. Die Urige, mit dem riesigen Spiegel hinter der Theke. Oft das Lieblingsziel von Klaus. Hoffte ich hier vielleicht eine Antwort auf alles zu bekommen?
Es war nicht mehr viel los. Im Hintergrund lief leise der Song: „I will always love you“ von Whitney Houston. Meinen Mantel behielt ich an. Mir war kalt und ich bestellte einen heißen Amaretto mit Sahne. Der Kellner schien ziemlich genervt zu sein. Trotzdem fragte ich ihn nach Klaus. Mürrisches Schulterzucken war die einzige Antwort. So kam ich also nicht weiter. Ich zündete mir eine Zigarette an und summte leise zu der gespielten Musik.
Dann trat ein Mann, bekleidet mit einem langen Lodenmantel, in die Bar und setzte sich direkt auf den Barhocker, neben mir. Ich kannte ihn nicht. Seine etwas längeren dunklen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, feucht vom Regen. Sie wirkten aber keineswegs ungepflegt. An seinem Kinn lag stoppelig ein Dreitagebart. Er sah müde aus.
„Einen Whisky bitte“, sagte er. Das erste Glas leerte er in einem Zug und er bestellte gleich noch eines hinterher. Ich spürte, dass er mich dabei von der Seite musterte. Irritiert drehte ich ihm mein Gesicht zu.
„Verzeihung, dass ich Sie so anstarre, aber ein winziger Hauch Ihres Parfüms zog gerade in meine Nase. Sehr angenehm und es passt zu Ihnen.“
Dann stierte er wieder in sein Glas.
„Komischer Kauz“, dachte ich. „Sollte das jetzt eine Anmache sein?“
Als ich mich vom Hocker erhob, bat er:„Bitte bleiben Sie.“
„Ich wollte eigentlich damit sagen, dass Ihr Parfüm nicht so aufdringlich ist, wie das von meiner Ex-Chefin. Eine wunderschöne Frau war sie, keine Frage. Die Farbe rot stand ihr übrigens ausnehmend gut. Doch sie war eine Hexe. Besessen von Macht und Geld. Sie lockte fast jeden Mann in die Falle, mit ihrem Duft und ihrer atemberaubenden Figur. Auch er, dieser Schriftsteller ließ sich von ihr einwickeln, genau wie ich im Anfang. Sie müssen wissen, ich war ihr Bodyguard. Aber, was rede ich da? Es wird Sie sicherlich nicht interessieren“, unterbrach er sich plötzlich.
„Wenn ich ehrlich bin, haben Sie mich eher neugierig gemacht“, sagte ich so ruhig wie möglich. Mit einem Wink zum Kellner bestellte ich eine ganze Flasche Whisky und noch ein leeres Glas für mich. Es schwirrte in meinem Kopf. Liefen hier etwa die Fäden zusammen?
„Jan“, stellte er sich vor, als unsere Gläser leise aneinander klangen. „Und Sie?“
„Johanna“.
„Schöner Name, wirklich.“
Erneut sank sein Blick in das braune Getränk.
„Sie flirtete mit mir, immer und immer wieder. Feuer hatte ich schon längst gefangen. Schließlich gab ich nur zu gerne nach. Doch als sie erreicht hatte, was sie wollte, ließ sie mich eiskalt fallen. Als ihr Bodyguard stand ich aber noch unter Vertrag. So ohne weiteres konnte ich nicht fortgehen. Im Prinzip wollte ich das auch gar nicht. So konnte ich wenigstens in ihrer Nähe bleiben, denn ich empfand starke Gefühle für sie. Ist aber auch egal. Mit der Zeit habe ich aufgehört ihre Männerbekanntschaften zu zählen. Und dann war da diese Wohltätigkeitsveranstaltung. In gehobenen Kreisen ist es ein Muss, dort hinzugehen. Aufsehen erregen koste es, was es wolle. Baden im Blitzlichtgewitter der Fotografen, schon bei der Landung, natürlich im eigenen Helikopter. So liebte es Corinna. An diesem Abend sah sie ihn das erste Mal. Klaus, diesen noch unbekannten Autoren. Niemand hatte ihn zuvor hier gesehen.“
Augenblicklich verschluckte ich mich an meinem Whisky.
„Alles in Ordnung?“, fragte Jan, obwohl er eine Antwort nicht wirklich erwartete.
„Und glauben Sie mir, dieser Klaus hatte echt was auf dem Kasten. Sehr gebildet. Er beherrschte mehrere Sprachen, aber er war keine Spur arrogant. Sensationell seine anspruchsvollen Texte. Und seine markante Stimme erst.  Damit zog er alle in seinen Bann. Das Publikum applaudierte, stehend. Anschließend umlagerten ihn die Gäste und wollten unbedingt sein Buch.  Doch Klaus winkte bescheiden ab. Es gäbe keines. Hobby-Schreiber sei er, in irgend so einer Gruppe. Den Namen habe ich vergessen. Trotzdem war er derjenige, der die höchsten Spenden an diesem Abend, für notleidende Kinder, einbrachte. Genau ab diesem Zeitpunkt wurde er sehr interessant für Corinna. Sie witterte große Geschäfte. Sie wollte ihn um jeden Preis. Ich musste ein Treffen mit ihm organisieren, ob ich wollte oder nicht.
Ein sehr feiner Mensch war er, dieser Klaus. Ich mochte ihn sofort. Ihm war Ruhm völlig unwichtig, er wollte einfach nur helfen. Corinna dachte ihn bestechen zu können. Alles versprach sie ihm. Gute Kontakte. Jede Woche eine neue Veranstaltung. Sie vermittelte bei den besten Verlagen. Sie merkte nicht, wie sehr sie ihn damit unter Druck setzte. Jeden Tag verlangte sie eine neue Geschichte. Klaus lehnte sich auf, er brachte keinen neuen Stoff mehr zusammen für die Veranstaltung in Grönland. Hier kam es dann auch noch vor der Gala, im Hotelzimmer von Klaus, zum Streit zwischen den beiden. Ich hörte es auf dem Flur. Beunruhigt über die Lautstärke stürmte ich in das Zimmer. Corinna sah wiedermal umwerfend aus, in dem roten Kleid. Doch sie schrie wie eine Furie, weil Klaus sich aufeinmal weigerte,an diesem Abend, aufzutreten. Er hatte die Nase gestrichen voll von ihren Zwängen und schleuderte ihr an den Kopf, dass sie ein berechnendes Biest sei. Seiner Frau Carolin würde sie niemals das Wasser reichen können. Noch heute würde er zu ihr zurückfliegen.
Hysterisch kreischte Corinna auf und zog dann unerwartet eine Waffe aus ihrer Handtasche um sie auf Klaus zu richten. Blitzschnell sprang ich ihr in den Weg. Was hatte ich denn noch zu verlieren? Ihre Augen waren nur noch schmale Schlitze und vermutlich hätte sie abgedrückt, wenn nicht zufällig der Zimmerservice angeklopft hätte. Mit schriller Stimme wimmelte Corinna ihn durch die geschlossene Tür ab.
Unter Waffengewalt zwang sie uns wenig später zum Privathelikopter, der hinter dem Hotel abgestellt war.
„Was hast du vor?“, fragte ich Corinna.
„Ich erfülle Klaus seinen Traum. Er soll doch Grönland nicht verlassen, ohne seine Eisbären gesehen zu haben. Und nun los. Keine Widerrede. Flieg uns zum Packeis hinaus.“
Mir wurde schlecht. Ich ahnte nichts Gutes. Klaus sah mich aus schreckgeweiteten Augen an. Angstvoll umklammerte er die Aktentasche, die mit seinen wertvollen Texten. Zum ersten Mal in meinem Leben verfluchte ich, dass ich einen Pilotenschein besaß.
Eiskalt drückte sie mir den Lauf der Waffe an die Schläfe. Klaus setzte innerlich bereits zum Sprung an, doch mein warnender Blick hielt ihn dann doch ab. Meine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Ohne Erfolg allerdings. Es gab einfach keinen Plan B. Im Cockpit saß Corinna auf einem der Rücksitze und hielt uns mit der Waffe in Schach.
„Oh mein Gott“, entfuhr es mir laut. Unruhig rutschte ich auf meinem Barhocker hin und her. Zum zweiten Mal in dieser Nacht sah mich der Kellner mürrisch an. Jan ließ sich von alledem nicht beirren und erzählte weiter.
„Ich beobachtete Klaus aus den Augenwinkeln. Sein Gesicht war schneeweiß und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. In der Ferne sichtete ich später die ersten Eisbären. Aber nicht nur ich. Sofort verlangte Corinna die Landung. Ich log ihr vor, dass das Eis, hier an dieser Stelle, den Helikopter nicht tragen würde. Doch es war ihr egal. „Dann gehen wir eben alle drauf“, sagte sie. „Hauptsache, diese Carolin wird ihren Klaus niemals wiedersehen.“ In diesem Moment hasste ich sie.
Bei der Landung wirbelten die Rotorblätter den losen Schnee auf und behinderten meine Sicht. Corinna stieß Klaus brutal in die Kälte hinaus. Sie entriss ihm dabei gehässig seine Aktentasche und der gesamte Inhalt verstreute sich im Wind. Eilig griff sie nach der Tür und gab mir den sofortigen Befehl, aufzusteigen. Als die Kufen abhoben, knackte unter uns das Eis. Corinna’s Lachen war nicht mehr von dieser Welt. Grauenhaft. Und dort unten lag Klaus, auf einer Eisplatte, wie ein kleiner schwarzer Punkt. Ich hätte schreien können.“ An dieser Stelle brach Jan’s Stimme.
Mir jagte ein kalter Schauer über den Rücken. Er hatte es mir so nah gebracht, als wäre ich dabei gewesen. Hastig stürzte ich den Inhalt meines Glases hinunter. Nicht eine Silbe bekam ich heraus. Jan war aber auch immer noch nicht fertig mit seiner Ausführung.
„Kurz danach kam es zwischen Corinna und mir zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Bei meinem Versuch, ihr die Waffe aus der Hand zu schlagen, wehrte sie sich so heftig, dass sie mit voller Wucht gegen die Tür knallte. Diese hatte sie beim Wiedereinstieg wohl nicht richtig geschlossen. Gleichzeitig löste sich ein Schuss. Ohrenbetäubend. Instinktiv duckte ich mich. Und dann war der Platz neben mir leer. Der Helikopter kam ins Schlingern. Aus und vorbei, dachte ich. Aber irgendwie schaffte ich es dann doch noch, in allerletzter Sekunde. Kurz vor der Wasseroberfläche drehte ich ab und flog zurück zum Packeis. Klaus war nirgendwo mehr zu sehen.“ Jan stöhnte laut auf.
Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter. Da bemerkte ich, dass er weinte. Wortlos stand ich auf, holte die Tageszeitung und hielt sie ihm hin.
Dick und fett stach die Schlagzeile in seine Augen: „Bärtige Eisscholle treibt im Atlantik.“
Jan schluckte. „Wollen Sie mir etwa damit sagen, dass das Klaus sein soll?“ Ich nickte. „Johanna, ich erkenne nur einen Bart, mehr nicht.“
„Jan, hören Sie mir zu, es ist Klaus. Ich weiß es. Klaus lebt.“
Er sah mich durchdringend an, sehr lange.
„Was geht hier eigentlich vor? Wer sind Sie und warum kennen Sie Klaus? Sind Sie von der Polizei?“
„Nein Jan, das bin ich nicht. Genauso wie Klaus bin ich als Autorin in der Schreibrausch-Gruppe. Aus unerfindlichen Gründen ist er eines Tages verschollen. Er, der immer gerne mit uns zusammen war. Es blieb ein Rätsel und wir vermissten ihn sehr. Bis dann TC, auch eine von uns, die Nachricht von der bärtigen Eisscholle mitbekam. Als erstes hat sie Carolin, seine Frau informiert und dann uns, über unseren Blog. Als ich es las, wollte ich herausfinden, wer ihm das angetan hat. Einen leisen Verdacht hegte ich bereits und zwar durch seine eigenen Geschichten, die er uns damals vorlas. Auch diese Bar hat damit zu tun. Und den Kreis schließt nun das Schicksal, indem es dich zu mir führte, Jan.“
Im Morgengrauen verließen wir zusammen unseren Treffpunkt und hörten im Radio noch die Nachricht:„Forscher in Grönland sichten Eisbär im roten Kleid.“

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5 Antworten zu “Hexe in Rot

  1. TC 12. März 2012 um 23:19

    Oh liebe Hanne..herrlich! :) Was für eine gelungene Geschichte! Was für ein Spaß! Aber, ob Klaus wieder genesen wird? Habe von ihm selbst erfahren, daß jemand ihm seine Zeit gestohlen hat. Unter uns: ich vermute einen politischen Komplott. Klaus scheint im Dunkeln zu tappen. Sag´s nicht weiter, aber mein Instinkt richtet sich gen Osten, nur so ein Gefühl. Wie gesagt, häng es nicht an die große Glocke, bis wir Näheres wissen. Wenn wir zusammen arbeiten, wer weiß, vielleicht können wir Klaus ja helfen?!
    Lg und hochachtungsvoll,
    TC

    • Hanne 13. März 2012 um 08:33

      Liebe TC. Ist schon merkwürdig, aber dein Instinkt scheint dich nicht zu betrügen, denn Jan äußerte gestern ähnliches. Er braucht erstmal Abstand und ist für lange Sicht abgetaucht, zur eigenen Sicherheit.

  2. Gabi 13. März 2012 um 12:36

    Hallo, ihr Beiden,

    das klingt nach einer spannenden Folgestory. Bitte unbedingt weiterschreiben!
    Gabi

  3. Beddi 13. März 2012 um 17:15

    hey ho, klasse geschrieben Hanne, auch von mir einen dicken *Schulterklopfer ;)

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