Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Wörtergeschichte 1

Schreibrausch-Autorenlesung 10.10.2011

V.l. Bettina Luchtefeld und Hanne Fliesen präsentieren auf der zweiten Schreibrausch Autorenlesung am 10.10.2011 die Geschichte, in der die vom Publikum der ersten Lesung 07.06. 2011 vorgegebenen Wörter, vorkommen.

Sommernachtsphantasie                             © 2011 Hanne Fliesen

Aus heiterem Himmel trudelt sie plötzlich ab, die kleine Sportmaschine. Zum Glück noch vor der großen Wurstfabrik, die direkt am Autobahnkreuz liegt. Völlig außer Kontrolle springt sie wie ein Grashüpfer über die Wiese, bevor ein wuchtiger Holunderbusch sie abfängt. Flirrend heiß und stickig staut sich die Luft im Cockpit. Die Frontscheibe ist total blind, voller Spritzer, da zerschmetterte Beeren, im Zeitlupentempo hinunter rutschen. Was hatte Pit abgelenkt? Der lange Stau auf der Autobahn?
Aufstöhnend fühlt er die blutende Wunde an seiner Stirn. „Auch das noch. Nichts, wie raus hier.“ Doch leichter gesagt, als getan. Die Tür klemmt, genauso wie seine Beine unter dem Steuerknüppel.
Pit schließt erschöpft die Augen und in diesem Moment weiß er wieder, was es eben war. Ein fantastisch buntes Farbenspiel. So eines hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.
Ein durchdringendes Martinshorn von irgendwo her reißt ihn aus diesen Gedanken. Suchend dreht er seinen Kopf und erschrickt dabei fast zu Tode. Durch ein Loch in der Seitenscheibe drücken sich schleimige Augen mitsamt einer wulstigen, pickeligen Nase. Der Träger dieser Körperteile, ein Polizist. Wohl selbst nicht ahnend, dass er noch viel Edleres präsentiert. Nasengold, von gewichtiger Größe, lugt spionierend heraus. Und siehe da, es dauert gar nicht so lange, bis der Popel letztendlich die Reißleine zieht und sich in die Tiefen des Cockpits stürzt.
Sofort und auf der Stelle rebelliert Pit’s Magen und schiebt die Spezial-Sparkassencanapes, vorhin noch mit Genuss verzehrt, die Speisekarte rückwärts. Nur eine reflexartige Schnappatmung seinerseits verhindert kurz vor knapp, die geplante Bescherung.
Dumpf dröhnt von außen die Stimme des Polizisten:
„Na Sie Bruchpilot. Das kommt Sie teuer zu stehen. 1. Gefährlicher Eingriff in die Verkehrssicherheit und 2. illegales Pflücken von Beeren auf Privatgrund.“ Mit spitzen Fingern fummelt er den Strafzettel durch das gesplitterte Glas.
Pit bekommt fast einen Anfall. „ Was ist bei Ihnen denn durchgebrannt? Sie, Sie defekte Daylight-Leuchte? Ein mausgraues Gelb-Lilagrün war es. Mit scharfer Klinge zerfetzte das Samurai-Schwert in null komma nix den Propeller.“
„Ach wirklich? Ein Samurai-Schwert und wo ist es jetzt? Sicherlich auf und davon geflogen oder?“
„Ja, richtig!“, erwidert Pit ernsthaft. „Aber vorher hat es noch das arme Shetlandpony in Richtung Rimboek gejagt.“
„Was Sie nicht sagen. Sie sind ja total durch den Wind. Sie bleiben ganz schön, wo sie sind.“ droht ihm der Polizist.
Nun ist es endgültig mit Pit’s Fassung vorbei. Er brüllt los:
„Hallo, in welchem Film sind Sie denn? Sie hirnverbrannter Gesetzesfetischist. Nur mal so als Gedankenstütze. Ich bin in einer Notlage und ziemlich verletzt. Wie wäre es denn mit Hilfe?“
Doch was macht dieser Traumfänger da draußen? Er ignoriert. Er haut einfach ab.
Pit’s Kragen wird eng. Angstschweiß stürzt wie ein Wasserfall aus seinen Poren. Qualm steigt vor dem Fenster auf, er wird immer dichter. Verzweifelt wirft er sich nochmals gegen die Tür. Vergebens.
„Mensch, ich Idiot. Der Notfallkoffer! Die Epidermis-Skalpell-Säge. Genau, damit wird’s gehen.“ Kopfüber hangelt er sich unter den Nebensitz. Sein Herzschlag stolpert verdächtig, als dann auch noch rechts von ihm, Knirsch-und Knackgeräusche zu vernehmen sind. Explodiert die Maschine jetzt? Ängstlich schielt er nach oben. Puh!. Erfreulicherweise ist es nur ein wackelndes Reststück der Tragfläche, mit dem der Wind sein Spielchen treibt. So blöd sich das auch anhört, aber es erinnert Pit geradewegs an den Toilettendeckel seines Gäste-WC’s. Frech grinsend gibt es dort auch einen Aufkleber. Nur dieser hier macht Werbung für eine Comedy-Show, mit Aussicht auf eine kostenlose Lachmuskelreflexzonenmassage.
Erleichtert und wütend zugleich schneidet Pit ihm eine Grimasse und reißt den Koffer ruckartig an sich. Kurz darauf pfeffert er den einzigen Inhalt, eine blöde Epikondilitisbandage, entnervt gegen das Smily.
„Ich will hier raus!“, wimmert er.
Doch wen interessiert’s? Der Polizist entrollt lieber das rot-weiße Band auf der Wiese und jenseits dieser Absperrung tummeln sich bereits mindestens tausend Schaulustige, die dieses Spektakel einfach nur spannend finden. Jedenfalls scheint es immer noch besser zu sein, als stundenlang im Stau zu stehen. Der Geräuschpegel rundherum ist mittlerweile so laut wie bei einem Open-Air-Konzert. Jemand sichert sich augenblicklich einen Logenplatz, selbstverständlich mit Klappstuhl. Ja, sogar Proviant lehnt dicht am Gestell. Ein Sack Knabbeln und eine riesige Thermoskanne.
Kann das alles wahr sein?
Zumindest beweist es eines. Nämlich, dass Gaffer mit ihrer Sensationslust unausrottbar bleiben werden. Ebenso erkennbar oben auf der Brücke. Dort steht ein LKW mit dem Slogan „Kampf gegen Schwarzarbeit“. Lässig rauchend lehnt der Fahrer an der Brüstung und kämpft, wenn überhaupt, maximal gegen seine Müdigkeit.
Pit’s Füße schlafen langsam sein. Der Qualm benebelt seine Sinne. Er träumt sich in die Karibik. Dorthin, wo die Wellen die schönste Brandung haben. Doch ein lautes Wortgefecht vor dem Fenster und der folgende Funkspruch halten ihn zurück.
„May day, May day, hier spricht Feuerschützenbostel Nr. 2.“
„Moin Chef. Was gibt es denn?“ knackt es am anderen Ende.
„Joe, schicken Sie uns schnellstens Geheimzahl 515. Kilometerstein 20.“
„Wieso Chef? Ist etwas mit einem Shetlandpony passiert oder weshalb brauchen Sie unseren spezialisierten Spürhund?“
„Bingo, Sie Vollnase. Der Besitzer macht mir hier die Hölle heiß. Wenn wir das Tier nicht finden, gibt es riesigen Ärger.“
„Verstehe Chef und Sie haben Angst, dass ihr Kopf rollt, wenn die Presse davon Wind kriegt. Aber keine Sorge, für die habe ich schon einen besseren Knüller. Bei uns im Präsidium sitzt ein durchgeknallter Japaner. Sein Name ist Mao-M. Er behauptet, dass sein Samurai-Schwert, leider bis jetzt noch vermisst, ein Flugobjekt angegriffen haben muss, denn sein Hund Schnuckipucki ist von Knall auf Fall von seiner Sexsucht befreit.“

05. Oktober 2011

zurück zu Leseproben HF

zurück zu LESEPROBEN

zurück zu NEU

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: