Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Omega. Alpha.

Foto: Anna Griestop

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© 2009 Dagmar Kolb

Omega. Alpha.
Langsam strich sie mit den Fingerspitzen über das dunkle Holz. Spürte wie sich feine Staubpartikel an die Haut hefteten. Eine glänzende Spur folgte ihrer Bewegung. Wie still es war. Nur ihre eigenen Atemzüge unterbrachen die Lautlosigkeit. Ihr Blick streifte ihre Hand auf dem Sideboard, wanderte über Fernseher, Schrank, Tisch und Couchgarnitur. Schweigend starrten die Möbel zurück.

Alles war anders. Niemand fragte mehr: “Willst Du was essen, Kind? Ich mach erst mal einen Kaffee!”. Sie sah die Mutter noch vor sich, wie sie nach der ersten Begrüßung freudestrahlend in die Küche eilte. Jetzt musste sie sich den Kaffee selbst aufbrühen. Sie hatte nicht geweint. Nur funktioniert. Bestatter, Bank, Versicherungen, die schier endlosen Formalitäten ließen keine Zeit zum Nachdenken. Vielleicht war das gut so. Die Hand ruhte immer noch auf dem Sideboard. Sie musste eine Entscheidung treffen, denn hier konnte sie definitiv nichts mehr unterbringen. Abgesehen davon waren die dunklen Eichenmöbel nicht ihr Stil. “Alles auf den Sperrmüll?” Nein, das verbot sich von selbst.

Sie erinnerte sich noch genau an den Tag vor mehr als zwanzig Jahren, nein, es waren fast schon dreißig, als die neue Wohnzimmereinrichtung geliefert worden war. Stundenlang schwitzten die Möbelpacker, die die Einzelteile ins Haus trugen und aufbauten. Fremd kam ihr das neue Ambiente vor, es dauerte Wochen bis sich das beklemmende Gefühl legte, das sie jedes mal beschlich, wenn sie den Raum betrat. Heute konnte sie sich kaum vorstellen, das es einmal anders ausgesehen hatte. Weihnachten, Geburtstage, die Bilder all der Gelegenheiten, wenn die Familie  zusammen traf, liefen wie ein endloser Film vor ihrem inneren Auge ab.

“Schluss jetzt,” ermahnte sie sich. Es tat weh, sich zu erinnern. Unentschlossen musterte sie den Raum. Mehr als 40 Jahre hatten ihre Eltern hier gewohnt. Zuerst war der Vater, nun auch die Mutter gegangen. Durfte sie wirklich die letzten Zeugnisse ihres Lebens entfernen? Die Dinge, die ihren Eltern etwas bedeutet hatten, weg geben? Was war ihnen wichtig gewesen? Wusste sie das überhaupt? Sie fühlte sich wie ein Eindringling. Unsichtbare Grenzen, die schon seit frühester Kindheit galten, wurden ihr bewusst. Sie zögerte. Alles was sie sah, roch und fühlte, band sie. Reglos stand sie da. Schwer wog die Last auf ihren Schultern, es schien als wüchsen schreiende Furien daraus hervor. Es zerriss sie, denn Verstand und Gefühl standen sich plötzlich wie in einem Duell unversöhnlich gegenüber.
”Ist doch klar, was Du tun musst. Worauf wartest Du?”, fragte der Verstand.
“Nein, nein. Das ist nicht Deins. Wer hat Dir erlaubt hier herum zu wühlen? In den persönlichen Papieren,” empörte sich ihre Gefühl. Die Kontrahenten prallen immer heftiger aufeinander.
“Was soll das? Begrab die Toten,“ forderte der kühle Kopf.
“Das war ein Teil Ihres Lebens. Ist das nichts mehr wert? Hast Du keinen Anstand?”, wütete das Herz.
“Darum geht´s doch gar nicht!”, konterte der Verstand nüchtern, doch die Emotionen kochten hoch: “Wer würdigt sie dann noch? Ex und hopp, oder was?”
“Quatsch, die Erinnerung braucht keine Möbel!”
Sie konnte es nicht mehr ertragen.“AUFHÖREN!”

Stille. Fast schien es ihr, als ob ihre Eltern direkt neben ihr standen. Gelassen beobachtend.
“Was mit dem Haus passiert, ist mir egal,” hörte sie die Mutter sagen. “Du musst selbst entscheiden, was für Dich am Besten ist.”
“Du machst das schon,” brummelte der Vater. “Hast ja immer Deinen Dickschädel durchgesetzt.”

Dies war ihr Erbe. Ihre Verantwortung. Verantwortung? Sie streckte sich und blickte mutig nach vorn. Nein, Freiheit! Heute war die Chance für einen Neubeginn. Einen Anfang, der ihre Handschrift trug. Sie spürte wie sich ihre Erstarrung löste. Das Leben ging weiter. Einige Erinnerungstücke würden bleiben. Dazu ihre eigenen Sachen. In Gedanken machte sie sich Notizen, was sie bewahren und verändern wollte. Ja, das war der Weg. Zuversichtlich und mit zunehmendem Tatendrang schritt sie voran. Altes und Neues würde sich harmonisch verbinden. Die Fackel weiter gegeben.

Omega. Alpha. Sie hob die Hand vom Sideboard und nahm das gleißende Licht entgegen. Hier war ihr Zuhause. Ihr Raum zum Leben. Sie ging zur Terrassentür, trat hinaus und blickte in den Garten.
Die Sonne schien.

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8 Antworten zu “Omega. Alpha.

  1. Hanne 18. März 2012 um 04:21

    Es geht schon sehr unter die Haut.

  2. Gabi 18. März 2012 um 11:32

    Eine sehr eindringliche und ‚ehrliche‘ Geschichte.
    Mehr davon!

  3. TC 18. März 2012 um 12:25

    Besser kann man dieses Gefühl nicht beschreiben, zwischen Loslassen und Festhalten wollen. Schön der Schluß, die Entscheidung, ins Licht zu gehen, da rettest du den Leser vor seinen Tränen..gut geschrieben Dagmar. :)

  4. wartharpa 18. März 2012 um 14:49

    Vielen Dank für das Lob :-))
    Noch nach fast drei Jahren, der Text ist vom Oktober 2009, ist mir das damalige Gefühl absolut präsent. Ich habe mich nicht leichtfertig dafür entschieden, eine solche autobiographische Begegbenheit zu veröffentlichen. Es hat weniger damit zu tun, das persönliche „Leid“ zu schildern, als mit der Auseinandersetzung mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit, die einem in dem Moment, wenn schließlich beide Elternteile endgültig gegangen sind, schmerzlich bewusst wird. Ich finde es ganz wichtig, dass der Trauerprozess, ich nenne es die Fackel übergeben, nachvollziehbar wird. „Omega.Alpha“ soll nicht verletzen, sondern zum Nachdenken anregen und Mut machen. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was bei einem Trauerfall über einen herein bricht. (Zu dieser Thematik kann ich aktuell das blog http://vierachtel.wordpress.com/ empfehlen. Dort geht es aber nicht nur um den Tod der Mutter, sondern um „Geschichten, die das Leben schreibt“ einer Alleinerziehenden (so habe ich es verstanden) mit kleinem Sohn.)

    Ich wollte nicht zu viel in eine Geschichte packen, sondern mich auf einen Punkt fokussieren, um die Intensität zu verdeutlichen. Der Tod, ein Menschenleben, das zu Ende geht und gerade die innere Auseinandersetzung mit der Person des Verstorbenen danach, sind auch heute noch viel zu starke Tabus. Da ich nicht religiös bin, und dies ganz bewußt, muss ich mich auf eine andere Art mit Verlust, Trauer und Neubeginn befassen. Ich bin überzeugt davon, dass es vielen so geht. Vielleicht bringt diese Geschichte den Einen oder Anderen dazu, über Unausgesprochenes nach zu denken und die Courage sich mehr zu öffnen, wichtige Dinge laut zu benennen. Es gibt so viel zu sagen, bevor es zu spät ist…

    Ich werde sicher noch mehr solcher Geschichten schreiben, Gabi :-)

  5. Maximiliandt 18. März 2012 um 18:10

    Mit Seele, ehrlicher Strip mit Sonne und Hoffnung!

  6. schriftrausch 19. März 2012 um 12:05

    Toll beschrieben am Anfang, dieser Zustand, wie nach einem Urknall, schwarzweiß, grobkörnig, halbtaub, halbblind und alle Dialog-Gedanken wie verhallt. Noch muß die bereits Tote um Erlaubnis bitten. Und dann kommt langsam die Farbe wieder. …und sie merkt, am Schluß, daß sie im Farbfilm weiterspielt. Sehr gut! Weitermachen!

  7. Beddi 19. März 2012 um 21:14

    Wirklich toll geschrieben Dagmar… bis Mittwoch

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