Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Beinah schwerelos

© BETTINA LUCHTEFELD

 Beinah schwerelos.

Der Riss den ihre Seele in den letzten Wochen bekommen hatte, schien nicht zu heilen. Er hatte ihr alles genommen, ihre Bodenständigkeit, ihre Normalität, ihre Freude am Leben, alles war aus den Fugen geraten. Wie ein alter schwarz/weiß Film liefen die einzelnen Bilder immer wieder vor ihrem inneren Auge ab: Der Schlüssel der leise knackend das Schloss der Wohnungstür öffnete, die Tasche die sie nach ihrem harten 12 Stunden Tag unter die Garderobe pfefferte und die Jacke die sie noch im Gehen vom Körper streifte und schlaff zu Boden fiel. Ihre Hand die langsam die Wohnzimmertür öffnete und dann das, ihr Mann mit einer anderen, nackt auf dem Teppich. Fassungslos tat sie das einzige was ihr in den Sinn kam und schrie aus vollem Halse, was dazu führte das die Ertappten fast einen Herzinfarkt bekamen, ihr egal, ab diesem Moment war alles kaputt. Nur 3 Jahre hatte ihre Ehe gedauert und dabei hätte sie die Hand für ihn ins Feuer gelegt, was dem Schmerz gleich kam den sie in diesem Moment empfand. Was für eine Ironie.

Die Wut die sie in den letzten Tagen tief in sich spürte, galt nicht ihm sondern ihr selber, wie konnte sie das übersehen, wann hatte es angefangen, wieso war sie so blind gewesen?? Seit diesem Schicksals haften Tag hatte sie kein Wort mehr mit ihm geredet, sie konnte nicht nur, sie wollte auch nicht. Sie wollte allein die Erklärungen finden und ihn auch nie wieder sehen.
Die einfachsten Dinge aber schienen ihr im Moment die größten Schwierigkeiten zu bereiten, regelmäßig essen, schlafen und trinken.
Augenblicklich fielen Anniken die Worte ihrer Freundin Wiebke wieder ein und sie war sich zum ersten mal sicher, Sie würde ihr Angebot annehmen und mit ihr weg fahren, weit weg was vielleicht ein kläglicher Versuch zu vergessen war. Wiebke bot ihr an mit auf eine Kreuzfahrt zu kommen, eine Kreuzfahrt nach Mittelamerika. Schnell schnappte sie sich die Autoschlüssel, die ihre Mutter ihr eigentlich abnehmen wollte um zu verhindern das sie in ihrem Zustand Auto fuhr, verließ die Wohnung und rannte zum Auto. Klatschnass kam sie dort an, es regnete schon den ganzen Tag, aber sie musste diesen Entschluss und die dazu gehörenden Gefühle fest halten.Vielleicht war das der erste Schritt zurück in Ihr Leben?!!

Am Rand des Pools auf einer komfortablen Liege, mit Cocktail in der Hand, Sonnenbrille auf der Nase, versuchte Anniken 3 Wochen später sich zu entspannen. Nach außen wirkte alles so ruhig und stimmig, nur in ihrem Kopf wollten die Gedanken einfach keine Ruhe geben, die ganze Zeit fragte sie sich ob das nun  wirklich DAS ist was ihr half? Vorsichtig nippte sie an ihrem gut gefüllten Glas, als eine Gestalt ihr die Sonne verdeckte. Es war ein Mann mit zwei Gläsern in der Hand. Langsam schob sie sich die Brille vom Nasenrücken. Wer war dieser Kerl, war er ein Kellner??
„Hier der ist für Sie.“ und hielt ihr eins der Gläser hin.
„Nehmen Sie schon, ich beiße nicht, ich hab nur gesehen das ihr Glas schon leer ist.“
Was faselt der da? Mein Glas und leer, ich hab doch höchstens zwei Schlücke genommen. Verdattert ging ihr Blick runter zum Glas, das sie in der Hand hielt. Beim Anblick öffnete sich vor Erstaunen  ihr Mund, er sagte die Wahrheit, das Glas in ihrer Hand war tatsächlich leer, aber wie konnte das sein? Das Schirmchen schaukelte einsam und allein auf dem Grund herum. Mit einer abgehackten, roboterähnlichen Bewegung stellte sie das Glas auf den Boden und griff nach dem was ihr dieser Fremde hin hielt, setzte an und nahm ohne weiter nach zu denken einen großen Schluck.
Merkwürdig, schmeckt irgendwie nach … nichts!
„Hoppla, da bin ich ja genau im richtigen Moment gekommen, sie haben aber Durst!“ und lächelte sie schief an. „Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, ich heiße Markus, Markus Kibirak.“ und streckte ihr seine Hand entgegen.

Aus welchem Impuls heraus konnte Anniken nicht sagen, aber wie selbst verständlich nahm sie die ausgestreckte Hand des Mannes in ihre. Die Berührung kam ihr irgendwie unwirklich vor, die Hand war so leicht und sanft, beinah schwerelos, da räusperte er sich.
„Lassen Sie mich raten, das hier ist ihre erste Kreuzfahrt und Sie tun das um endlich Abstand von allem zu kriegen. Sie hoffen hier auf diesem Schiff endlich ihren Seelenfrieden zu finden. Sie wollen die letzten Wochen und Monate am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen damit sie sie nicht mehr Tag und Nacht quälen. So eine Reise kann gut tun, da gebe ich ihnen Recht aber sie schiebt nur das unausweichliche auf. Es stärkt einen allerdings für das was unvermeidlich ist, nämlich sich dem zu stellen was einen in diese Lage gebracht hat!“

Ihr Herz fing hart und schnell an zu schlagen, es hämmerte unaufhörlich gegen ihre Rippen . Woher wusste der Mann all diese Dinge, die konnte man ja schlecht einfach so erraten, aber er hatte in allen Punkten recht! Was sollte sie darauf antworten? Sie konnte darauf keine passenden Worte zurück geben, viel mehr spürte sie wie sich ein harter Klos in ihrem Hals bildete. Schon wieder streckte er ihr seine makellose Hand entgegen.
„Kommen Sie, lassen sie uns etwas auf dem obersten Deck spazieren gehen, sie brauchen mir nicht  zu antworten, ich weiß wie sie sich fühlen, aber keine Sorge, deswegen bin ich hier. Hier bei Ihnen.“ Alles was aus seinem Mund kam klang soo… so richtig, erneut griff sie seine Hand und ließ sich führen. Das Laufen entspannte ihre verkrampften Muskeln. Oben angekommen, stellten sie sich direkt an die Reling des riesigen Luxusliners. Die Wasseroberfläche war spiegelglatt, ehrlich gesagt zu glatt, es gab noch nicht einmal Wellen die vom Schiff kommen musste, sonderbar, es war als hätte es gestoppt. Sie schaute Markus  länger an, seine dunklen Haare wehten im Wind.  Es wurde alles immer verwirrender, denn sie spürte nicht den Hauch eines Windes und wieso sah er so merkwürdig aus? Sie glaubte er  sah glücklich aus. Sie beneidete ihn um dieses Gefühl. Selber konnte sich  nicht mehr daran erinnern.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er: „Du wirst auch wieder glücklich werden, das weiß ich, es dauert nicht mehr lange, du musst dich nur trauen.“ Endlich fand sie ihre Stimme wieder:
„Trauen? Was muss ich mich trauen?“
„Na du musst dich trauen, die Augen für das zu öffnen was dich erwartet, du kannst dich nicht ewig hier verstecken.“
„Wo hier?“
„Na hier, auf diesem Schiff, in Richtung Karibik. Tief in dir drinnen weißt du das du die Augen irgendwann wieder aufmachen musst! Tu es jetzt gleich, ich werde dir helfen, ich bin bei dir.“ Augenblicklich drehte er sich zu ihr um und nahm sie in den Arm, ja genau, dieser wildfremde Mann schloss sie so fest in seine Arme das ein leichter Schmerz durch ihre Brust zog.
„Los jetzt Anniken mach die Augen wieder auf.“ Perplex über die Tatsache das er ihren Namen wusste, gab sie sich dennoch voll und ganz seiner Umarmung hin, weil es ihr aus unerklärlichen Gründen das einzig richtige zu sein schien. Ruhig atmend schloss sie die Augen und schlang ihre Arme um seine Taille . Er drückte sie erneut fest an sich und als sie es  kaum mehr aushielt, riss sie die Augen wieder auf und rang nach Luft. Ein grelles Neonlicht stach ihr in die Augen, abermals rang sie nach Atem, hatte aber nicht das Gefühl das Luft in ihre Lungen drang. Panisch versuchte Anniken es erneut, da tauchte eine Person in weiß vor ihr auf. Der Mund der Person bewegte sich, nur kamen keine Wörter raus. Kurz darauf stürmten 2 weitere weiß bekittelte Leute herein. Was sollte das alles, träumte sie? Eben noch war sie auf dem Weg in die Karibik und nun? Sie verstand gar nichts mehr, bis………….. bis der Schmerz zurück kam. Er traf sie so heftig das sie ihre Augen wieder schließen musste. Es schmerzte als ob sich 1000 Nadeln gleichzeitig in ihre Brust bohrten.

Bei diesem Schmerz, der  kaum auszuhalten war, liefen ihr warme Tränen über die Wange. Wo war sie??? Wieder und wieder versuchte sie Luft zu holen, aber da war nur ein Stechen. Eine Stimme drang endlich zu ihr durch, täuschte sie sich oder kam sie ihr bekannt vor??
„Anniken beruhigen sie sich, sie sind in einem Krankenhaus, sie hatten vor drei Wochen einen schweren Autounfall. Ich bin Dr. Kibirak, Markus Kibirak.“ Bei diesem Namen hielt sie automatisch den Atem an und wurde ganz ruhig, ihre brennenden Augen wanderten in die Richtung aus der die Stimme kam. Markus     hallte es in ihrem Kopf nach, dieser vertraute Name. Wieder sprach die Stimme: „Sie lagen im künstlichen Koma, sie müssen sich beruhigen, damit wir ihnen etwas gegen die Schmerzen geben können. Sie haben 4 gebrochene Rippen, sie müssen jetzt still liegen und ruhig atmen, dann lassen die Schmerzen etwas nach.“ Sie versuchte seinen Anweisungen zu folgen.“So ist es gut, sehen sie mich an. Sie machen das  prima.“ mit einem schiefen Lächeln das ihr noch vertrauter vorkam fügte er hinzu: „Wir dachten schon sie wollten ihre Augen gar nicht mehr öffnen, schön das sie wieder da sind!“

An diesem Tag stellte Markus, ihr Stationsarzt, sich erneut vor und sie erkannte die Ähnlichkeit. Noch etwas später erfuhr sie von den Krankenschwestern, das er viele Stunden an ihrem Bett gesessen hatte und mit ihr gesprochen. Letzt endlich flehte er sie an die Augen zu öffnen. Die beiden waren das Stationsgespräch Nr. 1 bis Anniken nach Hause durfte bzw. in die Reha. Darauf folgten weitere Physiotherapien und an ihrer Seite, war immer Markus. Er hatte es geschafft das sie sich ihrer Vergangenheit stellte und wieder glücklich wurde und zwar überglücklich! Endlich wusste sie wieder, wie sich dass anfühlte. Ach, übrigens Markus heißt ja Bikirak mit Nachnamen und wenn man es umdreht dann ergibt es ihr erstes gemeinsames Ziel, was übrigens Ihre Entscheidung war!!

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2 Antworten zu “Beinah schwerelos

  1. Maria 6. März 2012 um 13:19

    Die Geschichte macht Mut immer wieder aufzustehen und neu an zu fangen. Es lohnt sich. Maria

  2. Heike Meckelmann 4. Juni 2013 um 20:29

    Heike 4. Juni 2013. Klasse! Ich bin begeistert. Gibt ein Gefühl von Schwerelosigkeit. Mach weiter.
    LG Heike

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