Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Haus am Meer

© BETTINA LUCHTEFELD

Haus am Meer
Ich bin in einem kleinen Haus in den Dünen.
Unter einem Reetgedeckten Dach liegt meine Stube.
Von meinem alten Ohrensessel aus höre ich das Meer rauschen…

… mein Blick schweift durch die dicken Gläser meiner Sehhilfe hinaus auf das sich im Wind biegende Schilf. Nervös oder wohl eher zitternd trommeln meine Finger auf die Tischplatte. Immer und immer wieder, wie eine kaputte Eieruhr. Ich wünschte ich könnte meine alte gebrechliche Hand beruhigen, doch ein seltsames Gefühl was sich in mir ausbreitet, lässt dies nicht zu. Es ist ein bekanntes Gefühl. Genauer gesagt, das Gefühl etwas vergessen zu haben. Augenblicklich muss ich mich an letzte Woche erinnern, peinliche Aktion. Da bin ich doch glatt ohne Strumpfhosen unterm Rock einkaufen gegangen. Die Blicke der Leute sprachen Bände. Haben wohl noch nie so schön gleichmäßig behaarte Beine gesehen!! Ich bilde mir ein: Das könnte ein neuer Trend werden.

Noch immer in Gedanken, fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Im ersten Moment überwältigender Freude mich wieder an den Grund für meine Nervosität zu erinnern, kommt mit dem nächsten auch schon die Furcht. Um meiner Vorahnung Gewissheit zu verschaffen, schiebe ich mich samt quietschenden Rolator in die Küche. Direkt vor den Wandkalender. Meine Nasenspitze berührt schon fast das Papier, da erkenne ich meine eigene krakelige Handschrift. 2 Wörter, 2 Wörter die meine Angst bestätigen und mir eine dicke Gänsehaut über den Buckel jagen: Verwandtschaft kommt!
Dazu muss ich erklären, das Besuch und ich nicht wirklich Freunde sind und wenn dann noch der Besuch= Verwandtschaftsbesuch ist, geht meine Laune tiefer als jedes Kellerloch! Diese ganze Aufregung und Vorbereitung und gespielte Freude die man dann an den Tag legt, ist meiner Ansicht nach nicht gesund. Um nicht Gefahr zu laufen eine Schnappatmung zu bekommen, schiebe ich mich schnell durchs Wohnzimmer, greife im laufen die Flasche roten Likör, die mich aus der Stubenvitrine anlächelt und erreiche erschöpft die Terrasse. Sofort erfasst eine kräftige nach Salz und Algen riechende Böe mein lichtes, graues Haar. Nach einem kräftigen Schluck überlege ich fieberhaft wie ich diesen Tag ohne große Verluste überlebe. Warum kommen die auch ausgerechnet heute?? Seufzend blicke ich aufs Meer hinaus. Mir ist klar, das schnell ein paar geniale Ideen her müssen, geniale Ideen wie ich mit der Sippe fertig werde. Im Stille beginne ich durch zu zählen wie viele von denen kommen werden. Bei 5 höre ich auf und setze die Flasche erneut an. Sogleich fühle ich mich besser, versuche tief durchzuatmen und vor allem: Ruhe zu bewahren.
Mal sehen, ich besitze 3 Stühle, dann muss der Rest sich halt auf den Boden setzen. Nett wie ich bin, breite ich natürlich vorher eine Decke aus. Die dient dann auch gleichzeitig als Schutz für meinen empfindlichen Holzfußboden. Ich spinne weiter: Teller und Tassen werden auch nicht reichen. In dieser Situation wäre ein Spüldienst am besten geeignet. Wunderbarer Einfall, ich werde die Leute beim eintreffen direkt durch nummerieren und in Gruppen einteilen. Dann darf erst Gruppe eins essen und trinken, die danach das Geschirr für Gruppe zwei spült und so weiter. Ja, so sollten wir das Ganze schnell über die Bühne bekommen. A pro pro essen und trinken, habe ich überhaupt etwas zum anbieten da? Vorsichtig kratze ich mich am Hinterkopf hmm, ich hab´s, da ist doch noch die Plätzchendose vom letzten Weihnachtsfest, die aus der Vorratskammer, die schmecken bestimmt noch!!

Da dieses mir bevorstehende Ereignis unumgänglich zu sein scheint, sollte ich wenigstens die Höflichkeit besitzen und ihnen sagen, das ich vergessen habe Klopapier zu besorgen, eine halbe Rolle ist zwar noch da, doch werde ich sie bitten nicht mehr als 3 Blatt pro Person zu verbrauchen. So spare ich mir vielleicht das nervige servieren von Getränken. Eventuell sollte ich auch alle Gegenstände die zu Gesprächen oder Gemütlichkeit anregen entfernen. …….Obwohl…ich möchte mir nicht nach sagen lassen, dass ich eine schlechte Gastgeberin bin, vielleicht besorge ich doch noch Toilettenpapier?

Um mir keine Erkältung ein zu fangen, gehe ich langsam wieder ins Haus. Ein krächzender Laut aus der Ecke des Wohnzimmers empfängt mich. Der bunte Papagei, meines verstorbenen Ehemannes Nr. Drei, starrt mich aus seinen kleinen schwarzen Augen an. Ich gebe ihm ein paar Sonnenblumenkerne, auf denen er direkt fröhlich herum knabbert und sich anschließend mit seinem großen, gebogenen Schnabel die Federn putzt. Zum Dank für den kleinen Imbiss krächzt er mir die einzigen Wörter entgegen die er kann: Ist das alles???* kräächz*
„Ja das ist alles und nun halt den Schnabel Napoleon ich habe heute eine extrem wichtige und kniffelige Aufgabe zu bewerkstelligen.“ Beleidigt dreht mir das gefiederte Tier den Rücken zu. Ich schließe mich seiner Geste an und merke dabei, wie mich nun wieder die geballte Ladung Hektik überkommt. Um Himmelswillen wann werden die überhaupt eintrudeln? Wie viel Zeit würde mir für meine Vorbereitungen noch bleiben? Da schießt mir ein neuer Einfall durch meine alten Hirnwindungen. Ich werde mich heute überwiegend schwarz kleiden, das drückt meine trübe Stimmung perfekt aus. Meine im Augenblick angeregten Hirnzellen lassen meine Augen plötzlich groß werden. Oh Gott, die werden doch nicht auch die nervigen Enkel mitbringen, die sprengen mir mit ihren hohen Stimmchen noch mein Trommelfell. Besser ich stecke mir vorab etwas Watte in die Ohren, so kann ich gleichzeitig auf Hörgeschädigte machen und muss nicht mit jedem einen Pläuschchen halten.
Wo hänge ich eigentlich die ganzen Jacken und Mäntel auf? Meine Garderobe ist doch so winzig, nur zwei Haken. Ich sollte einfach alle Heizungen herunter drehen, dann können die ihre Sachen gleich anbehalten und dieses Problem wäre gelöst! So würden wir auch Zeit beim An- und vor allem Abreisen sparen. Gerade möchte ich mir selbst auf die Schulter klopfen, da genehmige ich mir doch lieber noch ein Likörchen.

Mit einem kleinen Hicksen und einem schelmischen Grinsen auf dem Gesicht packt mich unerwartet ein neues Gefühl. Ich kann es nicht richtig zu ordnen, oder doch?! Nur einen Wimpernschlag später nimmt meine faltige Stirn ein unbekanntes Ausmaß an, da ahne ich woran mich dieses neue Gefühl erinnert. Klopft da etwa gerade mein Gewissen an? Sollte es wirklich die Frechheit besitzen mich in meinen brillianten Eingebungen zu stoppen? Also das konnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. Gerade lief es doch so gut, statt dessen bekomme ich Gewissensbisse. Ich versuche mir selbst einzureden, das ich sie ja nicht verjagen will, nein, nur das sie etwas schneller als gedacht wieder abreisen. Damit ich mich vom ganzen Stress erholen kann. Mit Mühe versuche ich mein Gewissen zu beruhigen, nur gelingt mir das irgendwie nicht. Langsam steigen Zweifel in mir hoch. Eventuell könnte ich ja….könnte ja doch… noch mit dem Taxi runter zum Hafen fahren und ein paar richtige Süßigkeiten für die Kleinen kaufen?

Schnell versuche ich den Gedanken zu verwerfen und mich wieder auf das wesentliche zu konzentrieren. Wo war ich nochmal stehen geblieben? Ja richtig, das Jackenproblem hatte ich bereits gelöst. Möglicherweise drehe ich aber auch die Heizkörper nicht ganz herunter, schließlich will ich mich selber auch nicht verkühlen!
Leicht schiele ich zur Flasche Likör hinüber, nein besser nicht meldet sich mein Gewissen erneut. Gerne würde ich „dieses“ Gewissen einfach ausblenden, aber es scheint unmöglich. Verärgert darüber das ich mich von meinem eigenen Gewissen habe verunsichern lassen schiebe ich mich zu meinem Ohrensessel. Saft und kraftlos plumpse ich hinein.
Verzweifelt versuche ich abermals zusammen zu fassen, was ich alles zu beachten habe, wenn sie erst alle da sind. Kurz ertappe ich mich dabei, wie ein kleiner Funke Freude in mir aufkeimt bei dem Gedanken das sie bald eintreffen werden, aber das kann nicht sein. Schließlich habe ich mich noch NIE über Besuch gefreut, das ist bestimmt nur die Freude das ich es bald hinter habe!
Schon wieder entgleitet mir mein Blick aufs offene Meer. Das war schon immer so, sobald ich mir in einer Sache unsicher werde suche ich die Antwort irgendwo da draußen. Da draußen in den Wellen, denn jede Welle ist anders, eine höher als die andere, eine mit Schaumkrone eine ohne, eine erreicht das Ufer andere nicht, man weiß nie ob sie sich gerade beruhigen oder kräftiger und höher werden. Das ist, glaube ich auch der Grund warum es mich hier her gezogen hat und ich hier nun mehr als 30 Jahre lebe. Anscheinend hilft das Meer einer alten, griesgrämige Dame ihr Gewissen nicht zu verlieren! Ist das Meer mein Gewissen? Mal ganz ruhig und dann wieder aufbrausend? Ich merke wie ich innerlich nach gebe, mich aufraffe und letzten Endes doch noch das Taxi rufe und ein paar Besorgungen mache. Natürlich nicht ohne vorher zu prüfen ob ich alle Sachen anhabe die ich anhaben sollte!

Völlig erschöpft von dem Einkauf, der von klein, dann doch zu riesen groß mutiert ist, lasse ich mich wieder in den Sessel sinken, gähne herzhaft und falle direkt in einen tiefen Schlaf, die ganze Aufregung des Tages und auch der eine oder andere Tropfen, hat mich in die Knie gezwungen. Ein ohrenbetäubendes Schellen reißt mich unsanft wieder hoch. Sollte es jetzt wirklich so weit sein? Sollten das die Verwandten sein, die mein Haus auseinander nehmen wollen? Wie ein geprügelter Hund schleiche ich zur Tür. Auf dem Weg dorthin versuche ich noch einmal meine Strategie zu überdenken, da klingelt es erneut! Ich komm ja schon, ich bin doch nicht der ICE unter den Zügen, die können es wohl kaum abwarten mich zu quälen. Auf den letzten Schritten zur Tür straffe ich nochmal meine Schultern und nehme mir vor mit erhobenen Hauptes die Verwandten zu begrüßen, dabei fällt mir auf das ich meine Gehhilfe gar nicht brauche, meine Beine gehen ganz alleine…merkwürdig….
In Zeitlupe fährt meine Hand zum Türgriff, fest umschließe ich die kühle Klinke, atme ein letztes mal tief ein und lasse die Luft mit einem Seufzer wieder raus. Dann drücke ich ohne viel Druck die Klinke runter. Das Bild der strahlenden Gesichter die mich nur Sekunden später anstarren und im Chor rufen: Alles Gute zum Geburtstag, werde ich wohl nie vergessen!!!

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