Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Wörtergeschichte

© 2011 ANITA MÜLLER

Wörtergeschichte

Nach einem stressigen Bürotag radele ich, Rita Rimboek, gerne einmal um den Emssee. Treuer Begleiter ist mein Hund Schnuckipucki, Liebling Nr.2. Liebling Nr.1, meine bessere Ehehälfte, ruht daheim auf der Terrasse.
Die Runde um den See ist geschafft und mir bleibt noch etwas Zeit für ein kleines Päuschen unter dem üppig blühenden Holunderbusch. Wohlweislich hatte ich mir die Tageszeitung eingesteckt und konnte somit in Ruhe das Neueste rund um den Globus erfahren. Zwischenzeitlich werfe ich immer wieder einen Blick auf Schnuckipucki. Oft ist es schwer ihn ausfindig zu machen, wenn er gerade ein geeignetes Plätzchen im Gebüsch für seine Notdurft sucht. Meine Angst und Sorge ist, dass ein Fremder meinen Liebling stibitzt und aus ihm in einer Wurstfabrik Buletten für Aldi herstellt. Lohnender wäre es ein Shetlandpony zu klauen, dass brächte schließlich mehr Fleisch und somit mehr Geld.

Unverhofft lese ich von einem Sonderangebot für 2 Personen: 14 Tage Karibik für läppische 1400 Euro und dann noch all inklusive. Ein Schnäppchen, ich höre schon die Brandung in meinen Ohren rauschen und fühle die Sonne auf meiner Haut.
Die Kosten könnte ich mir durch Schwarzarbeit verdienen. Eine Superidee! Allerdings darf Liebling Nr.1 davon nichts wissen. Er als Rechtsanwalt ist der reinste Gesetzesfetischist, so enorm pingelig und überhaupt nicht kriminell. Allein der Gedanke wäre für ihn schon strafbar.
Als Gedankenstütze schreibe ich schnell in mein Notizbuch:“ Urlaub, Karibik, siehe Zeitung!“ Ein Grashüpfer links neben mir lenkt mich ab und bringt mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Der erschöpfte Liebling Nr.2 hat für heute genug Auslauf und darf nun bei Frauchen vorne im Körbchen mit heim radeln.

Ein gemeinsames Stündchen ist mir dann noch mit dem Göttergatten vergönnt, bevor ich wie jeden Freitag zu meinem Kegelabend aufbreche. Wir neun Kegelschwestern sind eine lustige Gesellschaft. Wir halten zusammen und wurden durch die vielen gemeinsamen Jahren so zusammengeschweißt, dass wir zeitlebens unausrottbar für ewig vereint bleiben. Unsere Epidermis kann keine Säge oder kein Skalpell trennen. Auch kein Samuraischwert könnte unsere Verbindung auseinander bringen.
Kegelschwester Susi, zwar kein Ass im Kegeln, sorgt stets für die nötige Stimmung. Durch ihre Witze erhalten wir Zuhörer eine kostenlose Lachmuskelreflexzonenmassage. Außer Moni, sie ist immun dagegen. Statt zu zuhören, pult sie lieber mit großer Hingabe in ihrer Nase herum. Jeder Popel wird kurz bestaunt, um dann im Mund zu verschwinden, als Vorspeise für das spätere Essen. Unser Angebot für Nachschub zu sorgen, wird dankend abgelehnt. Sie schwört auf Eigenerzeugnisse. Wie immer endet unser Kegelabend feucht fröhlich mit Jägerschnitzel und Pommes.

Am Fahrradständer vor der Gaststätte, gut erkennbar durch das Hinweisschild:“ Autobahnkreuz-Süd 2km!“ trennen wir uns. Alle, gut gelaunt, da leicht beschwipst, radeln mit ihrem Fahrrad gen Heimat. Ich benötige nur fünf Minuten bis zu unserem Haus in der Feuerschützenbostel-Allee Nr.2.
Durch den Alkohol erregt und mit großer Vorfreude auf meinen Mann, steigt eine Sexsucht in mir hoch, Sommernachtsphantasien spuken in meinem Kopf herum. Schnell werfe ich noch zur Stärkung meines Vorhabens ein Mao-m in den Mund, mein persönliches Viagra. Im Hausflur rufe ich schon:“ Liebling, ich bin wieder da, ich brauche dich!“ Keine Antwort.

Im Wohnzimmer, der Fernseher läuft, auf dem Tisch eine fast leere Sektflasche. Liebling Nr.2 liegt schon alle viere von sich gestreckt auf dem mausgrauen gelb lilagrünem Sofa, dem Lieblingplatz meines Mannes. Die Couch ist recht ungemütlich und unbequem und der Federkern so fest, das ein Gast schnell an Heimkehr denkt. Wohlgemerkt, gern gesehenen Besuchern wird etwas Besseres geboten.
Es handelt sich um einen früheren Kauf meines Mannes, als er noch ein armer Student war. Von seinem „Spezial-Sparkassencanapee“, diesem Museumsstück, will er sich auch nach zehn Jahren Ehe nicht trennen. Warum Sparkasse? Ganz einfach: Dieses Sofa wurde durch seinen ersten Kleinkredit bei der Sparkasse ermöglicht.

Bei diesen Erinnerungen hätte ich fast die Suche nach meinem Schätzchen vergessen. Ich frage Nr.2, wo sein Herrchen sei. Der blöde Hund antwortet nicht und schnarcht weiter vor sich hin. Ein Blick ins Schlafzimmer, Fehlanzeige! Im Badezimmer werde ich schließlich fündig. Mein Traumfänger sitzt schlafend auf dem Toilettendeckel. Mit der Zahnbürste noch in der Hand schnarcht er zum Gotterbarmen. Ich sehe sofort:“ Der ist für mich heute Abend nutzlos!“
Die fast leere Sektflasche verhindert nun den von mir erträumten, romantischen Abend zu zweit. Stattdessen bedarf er meiner Hilfe, um ins Bett zu kommen. Seine Epikondilitisbandage am rechten Arm, die ein Arzt  für seinen Tennisarm verordnete und die tagsüber zu tragen ist, bleibt heute wo sie ist. Die wird ihm in seinem jetzigen Zustand mit Sicherheit nicht stören.
Am folgenden Morgen, Daylight erwacht, sitzt mein Bruchpilot zerknirscht und reumütig am Frühstückstisch und bekommt von mir zur Strafe wegen Unterlassung der Ehepflichten statt Rührei mit Speck nur einen Pott Knabbeln vorgesetzt. Ich aber, die enttäuschte Ehefrau bekomme von meiner besseren Ehehälfte als Trostpflaster die Geheimzahl seines Girokontos mit den Worten:“ Erfülle dir einen Wunsch!“

„ Das ist die Gelegenheit! Ich buche für uns zwei sofort das Angebot 14 Tage Karibik!“  Da bleibt genügend Zeit unser verpatztes romantisches Rendevous der letzten Nacht in die Tat umzusetzen!

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Eine Antwort zu “Wörtergeschichte

  1. Gabi 7. März 2012 um 08:54

    Ach, Anita, dein Humor! Herrlich!

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