Schreibrausch

Warendorfer Autorengruppe

Der Eindringling

Anita Müller, hier am 27.01.2011 bei der Übung "Mandarine", schreibt zu Hause und an den Schreibrauschabenden in der Bücherei Freckenhorst eifrig an ihrer Biografie. "Der Eindringling" ist eine Geschichte aus ihren umfangreichen Erinnerungen. Foto: Dagmar Kolb

© 2011 ANITA MÜLLER

Der Eindringling

Ich war fünf Jahre alt. Das Wort Vater kannte ich zwar, meine Spielkameraden erwähnten dieses öfters und meinten, dass ein Vater zu einer Familie gehöre, aber ich hatte keinen. Was ich nicht hatte und nicht kannte, vermisste ich nicht. Wo hätte er auch schlafen sollen? In unserer Wohnung war kein Bett mehr frei. Wozu brauchte ich einen Vater, mir genügte Mama!
Ich glaube meinen Geschwistern ging es ebenso. Mutter war immer für mich da, besonders nachts, wenn mir angst und bange war und schlechte Träume mich nicht schlafen ließen. In Mamas Bett war immer Platz, um getröstet zu werden. Am folgenden Morgen wachte ich beruhigt wieder neben ihr auf. Eines Tages aber änderte sich unser aller Leben schlagartig.

Da humpelte überraschend und ohne Vorwarnung ein ungepflegt aussehender Mann in die Küche. Der Fremde erschreckte mich fast zu Tode und störte uns Kinder zudem beim Spielen. Er sah aus wie Räuber Hotzenplotz. Normalerweise schellte ein Besucher zuerst an der Haustür. Dieser aber nicht, er besaß die Frechheit unangemeldet in unser Reich einzudringen. Doch wer hatte ihn hereingelassen? Die Haustür war stets verschlossen!
„ Hallo, ich bin wieder da“, begrüßte er uns. Er benahm sich so, als wäre er hier zuhause. Mutter machte große Augen, tat zuerst erschrocken, dann erstaunt, wenig später aber strahlte ihr Gesicht. Der Fremde wurde von Mama plötzlich stürmisch umarmt, gedrückt und bekam zur Überraschung unser aller einen schmatzenden Kuss auf die Wange. Das verstand ich überhaupt nicht. Mir fielen Mutters Ermahnungen ein, wenn ich draußen zum Spielen ging. „Gib acht vor einem fremden Mann, der will von dir nichts Gutes!“, und jetzt dies!.

Freudentränen kullerten den Beiden die Wangen herunter. Keiner sagte ein Wort, es war mucksmäuschen still. Immer wieder Umarmungen und Küsse. „Hörte das denn überhaupt nicht mehr auf?“ dachte ich. Verstehe einer die Erwachsenen. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Wir Kinder standen rundherum und warteten auf das weitere Geschehen. Die Brüder mussten den Eindringling mittlerweile erkannt haben, sie waren älter als Marlies und ich. Hans und Gerd  schienen entspannter, nicht so verschreckt, wie meine  Schwester und ich. Mir war der Mann unheimlich, total fremd. „Was will der hier?“ war mein nächster Gedanke, “Hoffentlich geht er bald!“
Die Knutscherei dauerte und dauerte. Endlich, Gott sei Dank, beruhigten sich die Beiden und trockneten sich mit Mutters Schürzenzipfel die Tränen aus dem Gesicht. Ein tiefer Seufzer von Mama folgte und dann sagte sie:“ Kommt Kinder, begrüßt euren Vater, der Krieg ist für uns ab heute aus, er ist aus der Gefangenschaft heimgekehrt! Er bleibt nun für immer bei uns und geht niemals wieder mehr fort!“ Ich war entsetzt, sollte ich  mich verhört haben.“ Er will bleiben?“
„Sagt guten Tag und gebt ihm einen Begrüßungskuss, das wird ihn freuen“, waren Mutters nächsten Worte. Wir wurden nacheinander von ihm hochgehoben. Meine Brüder hatten keine Schwierigkeiten Mutters Bitte zu erfüllen. Als Marlies an der Reihe war, zögerte sie etwas, dann aber folgte auch sie.
Meine erste Reaktion hingegen war totale Ablehnung. “Was sollte der Quatsch, ich doch nicht, “dachte ich und sträubte mich. Mutter neben mir drängelte. „Komm Anita, hab dich nicht so, freu dich doch, dass Papa wieder da ist“! Was blieb mir anderes übrig und so drückte ich ihm widerwillig einen Kuss auf die Wange. Geschafft! Er sagte erstaunt zu mir:“ Ach Kind, was bist du aber groß geworden! Kommst ja bald in die Schule!“

Die nächsten Tage gingen sehr turbulent zu. Viele freuten sich mit uns, dass wir jetzt eine richtige Familie waren, mit Vater, Mutter und vier Kindern.
Allen Familien in unserem MietsHaus war dieses Glück nicht vergönnt gewesen. Gefallen waren Herr Kleemann, Herr Möllers und Herr Kintrup, Vater von 7 Kindern, das war für die Hinterbliebenen ein sehr schmerzlicher Verlust.
Vater war nun der einzige Mann im Haus und stand in den folgenden Wochen im Mittelpunkt. Familie, Verwandte, Bekannten und nicht zu vergessen die liebe Nachbarschaft schenkten ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. Ihm gefiel das, mir nicht! Ich fühlte mich in die Ecke gedrängt, denn keiner hatte mehr Zeit für mich. Das war gemein. Einige Besucher, die ein Kriegsopfer zu beklagen hatten, waren auch eifersüchtig, dass unser Vater mit nur einem Wadenbeindurchschuss heimkehren konnte. Allen zeigte er stolz seine Kriegsverletzung am linken Bein. Ein Andenken aus dem Krieg, wie er zu sagen pflegte. Er fühlte sich sichtlich wohl, wenn er bedauert wurde. Die Wunde war noch nicht verheilt, sie brauchte intensive Pflege und einen täglichen Verbandswechsel. Das war immer eine große Aktion.

Dann sorgte Mama für warmes Wasser, die älteren Brüder halfen die Verbände aufzurollen. Die Salbe wurde aus dem Schrank geholt und natürlich die Sicherheitsnadel, die den neuen Verband zusammenhielt. Vater machte uns flott, das tat er gerne, bis alles vor ihm auf dem Tisch lag. Dann ging es zur Sache. Während der Wundversorgung erzählte er uns Kindern dann in allen Einzelheiten Schauergeschichten aus dem Krieg. Wie schlimm es ihm erging, als die Kugel ihn traf und über die dadurch verursachten unerträglichen Schmerzen. Er schimpfte über die Sanitäter vor Ort, die sich seiner Meinung nach, viel Zeit gelassen hätten, bis sie ihn aus dem Schützengraben geholt hatten und  über den behandelnden Arzt, der laut seinen Äußerungen keine Ahnung gehabt habe. Zu diesem Zeitpunkt hätte er gerne ein, zwei Schnäpschen gebrauchen können. Diese, seiner Meinung nach, beste Medizin, gab es daher öfter daheim.
Mir fiel auf, dass die erlebten Schmerzen bei den wiederholten Erzählungen immer heftiger wurden. Auch sein Humpeln war eigenartig. Daheim merkte ich davon wenig. Bei den sonntäglichen, gemeinsamen Spaziergängen hingegen war das schon anders. Vater sagte unterwegs öfter:“ Ach Kinder, was macht mir mein Bein heute zu schaffen“, und schimpfte pausenlos über die Russen, denen er diese Wunde zu verdanken hatte.

Bei der ersten "Schreibrausch"-Lesung am 07.06.2011 las Dagmar Kolb Anita Müllers Geschichte vor. Die mehr als 45 Gäste lauschten aufmerksam. Foto: Brings

Ein weiteres Mitbringsel aus der Gefangenschaft waren Läuse. Gott sei Dank nur welche auf dem Kopf. Vater schimpfte wütend: „Daran ist nur der verdammte Krieg schuld!“ Mit dieser vorübergehenden Plage wurde natürlich nicht geprahlt, sondern wohlweislich verschwiegen. Was würden die Nachbarn denken? Das bereitete Vater mehr Sorgen, als das ungemütliche Krabbeln auf dem Kopf. Läuse an sich zu haben galt als großer Makel, denn als Auslöser wurde mangelhafte Körperpflege vermutet. Wenn Bekannte erzählten, dass sie zurzeit Läuse bei sich beherbergten, hieß es sogleich:“ Diese Schweine, sie sollten sich öfters waschen, dann käme so eine Sauerei nicht vor!“

Mein Vater hatte Läuse. Woher und warum, das war mir egal. Mutters Hilfe war also wie so oft gefragt. Mein Bruder Gerd bekam den Auftrag, in der Drogerie Anti-Läuse-Haarshampoo und einen speziellen Läusekamm zu besorgen. Dort tat man erschrocken:“ Oh weh, habt ihr zu Hause Läuse?“ Brüderchen nicht auf den Mund gefallen, reagierte sofort. „Nein, nein, um Gottes Willen! Nicht wir sind betroffen, die Sachen sind für den Nachbarn. Ich bin nur sein Laufbursche.“ Zuhause sorgte diese pfiffige Ausrede für Gelächter.
Mutter begann mit ihrer Arbeit. Mehrmals wurden Vaters Kopfhaare mit dem besonderen Shampoo gewaschen und dabei gerubbelt, bis seine Kopfhaut glühte. Das ließ Vater sich ja noch gefallen. Aber als der Läusekamm aktiv wurde, war seine Geduld am Ende. Er zappelte auf dem Stuhl herum, jaulte und meckerte und rief empört: „Änne, lass mir noch ein paar Haare auf dem Kopf!“ „Sei nicht so zimperlich“, antwortete Mutter ungerührt. „Was jetzt fehlt, wächst nach!“ und sie setzte trotz aller Proteste von Vater die Suche nach den niedlichen Tierchen fort.
Nach zwei Tagen intensiver Arbeit von Mutter, waren alle Plagegeister entsorgt. Vater zeigte sich zwar total erschöpft, aber dennoch zufrieden. Er hatte endlich Ruhe auf dem Kopf.
Ich fand es lustig, Vater leiden zu sehen und war froh, dass meinen Geschwistern und mir die Läuse erspart geblieben waren. Der Nachbar aber schimpfte über den Unbekannten, der das Gerücht verbreitet hatte, er hätte Läuse. Der Urheber, mein Bruder Gerd, wurde gesucht, aber zum Glück nie gefunden.

Vater fand einen Platz zum Schlafen. Mutter rückte in ihrem Bett etwas zur Seite und ließ ihn bei sich liegen und erklärte uns Kindern, dass ab jetzt nächtlicher Besuch unsererseits verboten war. Schließlich müsse sich Vater von den schrecklichen Kriegserlebnissen noch erholen und bräuchte viel Schlaf. Also hieß es für uns:“ Bitte keine Störungen mehr!“ Das nahm ich ihm lange übel. Mutters Trost fehlte mir zusehends. Wir merkten, dass Vater wieder da war. Er kam, sah und siegte, und oh Schreck, Er BLIEB . Ich hatte mich doch nicht verhört, als wir den Vater begrüßten mussten.

Die Wochen und Monate vergingen, wir gewöhnten uns daran eine Familie zu sein. Es gab für alle Veränderungen als Vater sich wieder eingelebt hatte. Er führte ein strenges Regiment mit Zucht und Ordnung. Liebe und Zuneigung war Mangelware. Zwar geschah das nicht von heute auf morgen, war aber bald spürbar. Vater hatte als Familienoberhaupt nun das Sagen und alles fest im Griff. Sein Wort galt wie das Amen in der Kirche. Den Geschwistern fiel es leichter als mir, sich an die neuen Regeln zu gewöhnen. Ich spürte den gewaltigen Unterschied -früher allein mit Mutter- nun mit Vater und Mutter. Noch schlimmer war es, für mich diesen fremden Eindringling als Papa zu akzeptieren. Vater zeigte zuwenig Geduld und Verständnis für mich. Er war schnell aufbrausend und teilte gerne Nackenschläge aus. Hierzu kurz eine Begebenheit, die ich nie vergessen habe.

Eines Tages wagte ich es, beim Mittagstisch zu reden. Vaters Auffassung nach, und wie in vielen Familien damals üblich, hatten Kinder bei Tisch den Mund zu halten. Das war noch nicht alles und mein kleineres Vergehen. Schlimmer noch, –  ich weiß nicht welcher Teufel mich da geritten hatte – , rutschte mir zudem ohne Überlegung heraus: „Papa hast du auch Kinder, und wann gehst du endlich wieder weg zu deinem Schießgewehr?“ Vater  sah rot. Was dann kam, lässt sich ohne weitere Erläuterungen denken: Ich kannte die Folgen für Ungehorsam  zu diesem Zeitpunkt schon. Klatsch!  ratz, fatz, da gab es einen an den Latz! Der Schreck war allerdings größer als der Schmerz.!

Nach einigen Wochen wurde es ruhiger daheim, der Besucherstrom ließ nach und unser Leben nahm wieder seinen gewohnten Lauf.

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2 Antworten zu “Der Eindringling

  1. Gabi 7. März 2012 um 08:52

    Den Text lese/höre ich immer wieder gern.
    Ein super Einblick in eine fast noch vertraute Vergangenheit

    • Ula 8. März 2012 um 09:16

      Liebe Anita! Du verstehst es, Gefühle auszudrücken und zu reflektieren-
      und in knappen Sätzen die Spannung zu halten – weitere Gedanken:
      Als Kurzgeschichte (und zum Titel)
      hätte es mit der Schlafzimmerepisode aufhören können –
      alle anderen Begebenheiten wären passend für neue Geschichten
      zum Thema des Heimkehrers.
      Herzlichst! Ula.

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